Der Wind, dein Freund und Feind

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Seit dem Missessippi ist viel passiert. Vor allem sind wir sehr viel Fahrrad gefahren und haben eine beachtliche Strecke zurückgelegt, über 1000 km. Nach Winona ging es auf einem Bahntrassenradweg mit Rückenwind und 30 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit gen Westen. Leider enden in der Mitte der USA irgendwann die Radwege und unser Routenplanungstool führte uns weiter auf sichere, unbefahrene Straßen. Was wir nicht wussten, alle wenig befahrenen Straßen westlich des Missessippi sind Feldwege aus feinem Kies. Diese können wir mit unseren Rädern zwar fahren, wir kommen aber nur sehr langsam voran und es ist viel anstrengender. Zusätzlich war ab Mittag eine frische Briese aus Süden angesagt. Schnell mussten wir feststellen, dass Wind in den Great Plains nicht so zu interpretieren ist, wie bei uns zu Hause. Durch die fehlenden Bäume und Hügel trifft einen der Wind mit voller Kraft und zwar ununterbrochen. Leicht gegen den Seitenwind gelehnt kommt man jedoch irgendwie voran.

Wenn doch nur diese Feldwege nicht wären… Auf dem feinen Schotter schiebt einen der Wind wie auf Murmeln langsam in den Straßengraben. Irgendwann wird es so schlimm, dass wir schieben müssen.

Zusätzlich baut sich über uns eine riesige Gewitterwolke auf. Zum Glück finden wir bei einem Farmer Unterschlupf und das Gewitter zieht vorüber. Jetzt wissen wir allerdings, dass mit Wind und Wetter hier nicht zu spaßen ist und wir uns besser anpassen müssen.

Es folgen 3 Tage mit Rückenwind, den wir nutzen wollen und immer über 150 km am Tag fahren. „Ein Tag ohne Gegenwind ist ein geschenkter Tag.“ pflegte Andi immer zu sagen. An Tag 2 ist jedoch Nachmittags ein Gewitter angesagt.
Es heißt also früh aufstehen, damit wir um 16 Uhr schon unsere 150 km geschafft haben. Die Rechnung geht auf und wir erreichen unser Ziel, die Stadt Brookings 15 Minuten vor dem ersten Regentropfen. Dort angekommen, trauen wir unseren Augen nicht. Wir wohnen bei Caleb und Laine, 2 Brüdern von denen einer ein Fahrradgeschäft betreibt. Mitten in den Great Plains, 200 Meilen von jedem Trail entfernt stehen wir also in einem Radladen der selbst für deutsche Verhältnisse sehr gut ausgestattet ist.

Im Keller gibt es ca. 1000 gebrauchte Fahrräder aus allen Jahrzehnten zu bestaunen und Andi findet auch eines seiner Lieblingsbücher dort.

Am Abend werden wir in die hiesige Bierkultur eingeführt, dürfen mit Cruiser Bikes zur nächsten Tankstelle fahren um noch mehr Bier zu kaufen – in South Dakota darf man nämlich betrunken Fahrrad fahren, man ist hier der Meinung, wenn man noch Rad fahren kann, kann es so schlimm nicht sein – und verbringen auch den Rest des Abends im Fahrradladen.

Zu Hause gibt es dann noch einen Absacker und es werden diverse Klarinetten vorgeführt… Am nächsten Morgen müssen wir verkatert auf die Räder, denn es ist wieder ein Gewitter angesagt und wir müssen vor 5 Uhr bei unserem nächsten Host sein. Just in time gelingt uns auch dies und wir erfahren ein weiteres Mal, das mit dem Wetter hier nicht zu spaßen ist. Das Gewitter zieht innerhalb von 5 Minuten auf und Winde mit bis zu 90 Meilen pro Stunde entwurzeln Bäume und drücken Schaufensterscheiben ein. Nach 30 Minuten ist der Spuk jedoch vorbei.

Unser Host Eric führt uns nach dem Sturm durch die Stadt in ein mexikanische Restaurant – bei Eric zu Hause zu essen ist leider nicht möglich, da er das unordentlichste Haus besitzt was ich je gesehen habe. Das ganze Haus steht voller Zeug und es gibt keinen Platz an dem man gemütlich sitzen, geschweige denn essen kann. Zum Glück ist alles eher Sperrmüll und kein Restmüll.

Trozdem ist Eric ein feiner Kerl und er gibt uns Abends im Dunkeln – währen des Gewitters ist der Strom ausgefallen – noch ein Klavier und Chello Konzert. Wir dürfen sogar Wünsche äußern, was Andi unverhohlen ausnutzt.

Für den nächsten Tag haben wir uns unsere bissher längste Etappe vom 180 km vorgenommen, da es einfach nichts gibt, zwischen Eric und Pierre, der Hauptstadt von South Dakota. Der Wind meint es aber nicht gut mit uns und schon nach 2 Stunden auf den Rädern müssen wir uns eingestehen, es wird nichts mit 180 km. Bei 32 km/h Gegenwind quälen wir uns mit 13 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit gen Westen und selbst, wenn wir durchhalten würden, ein Tag hat leider nur 24 Stunden und mit 13 km/h müssten wir 14 Stunden fahren. Wir sind um 8 Uhr gestartet und müssen auch Pausen machen
Vor 24 Uhr werden wir es also nicht schaffen, daher brechen wir nach fast 9 Stunden reiner Fahrzeit und 116 zurückkelegten Kilometern ab und übernachten in einem kleinen Motel am Straßenrand. Am nächsten Morgen sieht es leider nicht besser aus und sobald wir aus dem Windschatten des Motels austreten Rauscht es wieder in unseren Ohren und der Wind schiebt uns zurück. Das schlimmste am Gegenwind ist der Krach, den ganzen Tag Windgeräusche sind einfach zermürbend. Stellenweise fahre ich mit Ohropax. Alle Mühen haben sich aber gelohnt, denn am Nachmittag kommen wir bei Scott und Tami an, einen unglaublich netten Ehepaar in Pierre die uns fürstlich bewirten und sogar eine kleine Feier inklusive Gästen aus der Nachbarschaft für uns vorbereitet haben. Wir bewohnen bei ihnen eine eigene Etage, mit eigenem Bad, separaten Zimmern und Blick auf dem Missouri einfach toll.


Leider müssen wir am nächsten Morgen weiterfahren aber der Wind hat sich gedreht und mit Rückenwind geht es nach Süden, denn wir haben den nördwestlichsten Punkt unserer Reise erreicht und ab heute heißt es Südwest, durch die Rockies Richtung San Francisco! Mitten im nirgendwo übernachten wir auf einem Zeltplatz der an ein Motel angeschlossen ist, kostenlos, denn das „Badehaus“ hat noch nicht geöffnet. Dort verfolgen wir auch eine Mondfinsternis, sehr beeindruckend!

Am nächsten Tag werden wir nun endlich unseren ersten Nationalpark erreichen, die Badlands, aber das ist eine andere Geschichte, die muss euch dann der Andi erzählen.


Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Nicht Veikkos Kollege

    Sehr schöner Beitrag, Veikko! Ich finde ja die Begegnungen super spannend und es scheinen ja wirklich unglaublich nette und interessante Leute zu sein.
    Viel Spaß bei der weiterreise, egal von wo der Wind bläst 😊

  2. Willi

    Ahoi, wir mussten auf der I-14 Richtung Osten einige Male an euch denken. Die Fahrt kann im Auto ja schon zermürbend sein. Chapeau!!
    Und ein toll zu lesende Blog, macht echt Spaß eure letzten Wochen zu verfolgen.
    Viel Abenteuer wünschen wir euch noch auf den zweiten 50%.

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